
Das Kalenderblatt zum 6. Mai
“Morgen über Byzanz”
“Morning over Byzantium”
“Mañana sobre Bizancio”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Dieses Bild wirkt wie ein Tor in eine Zeit, die zugleich vergangen und gegenwärtig ist, ein flammender Horizont, der nicht nur den Morgen ankündigt, sondern eine Wiedergeburt aus der Tiefe der Geschichte. Das intensive Orange ist kein bloßes Licht, es ist ein glühendes Erinnerungsfeld, das an die spirituelle und kulturelle Aufladung von Byzanz erinnert, an eine Welt zwischen Macht, Mystik und Transzendenz.
Im Vordergrund erhebt sich eine strukturreiche, fast eruptive Landschaft, die wie ein verdichtetes Fragment von Erde und Erfahrung erscheint. Die pastosen Schichten, die Spuren von Bewegung, die eingebetteten Farben, all das spricht von Verdichtung, Reibung und Transformation. Diese Erde ist nicht ruhig, sie ist ein Speicher von Ereignissen, ein Resonanzkörper für das, was war und was noch kommen will.
Darüber schwebt der dunkle, gebogene Körper, eine Mondsichel, die sich dem Betrachter nicht eindeutig erschließt. Ist sie ein Symbol für den Übergang? Für das zyklische Werden und Vergehen? Oder ist sie ein Fragment einer anderen Realität, das sich in diese Szene hineingeschoben hat? Gerade diese Ambivalenz macht ihre Kraft aus: Sie wirkt wie ein Zeichen aus einer verborgenen Ordnung, ein kosmischer Akzent, der das Irdische mit dem Übergeordneten verbindet.
Die vertikale Linie links setzt einen subtilen Kontrapunkt, sie wirkt wie ein Relikt menschlicher Präsenz, vielleicht eine Säule, vielleicht ein Fragment von Architektur, vielleicht ein Hinweis auf das Kulturelle im Dialog mit dem Naturhaften. Sie steht still, während alles andere in Bewegung scheint, ein stiller Zeuge im Strom der Zeit.
„Morgen über Byzanz“ ist damit weit mehr als eine Landschaft: Es ist eine innere Topografie, ein Bild über das Erwachen nach der Nacht, über das Auftauchen von Bedeutung aus dem Ungeklärten. Es erzählt von einem Moment, in dem sich Geschichte, Mythos und persönliche Wahrnehmung überlagern und genau in diesem Überlagerungspunkt entsteht jene Spannung, die den Betrachter nicht loslässt.
Dieses Werk fordert nicht, es zieht hinein. Es ist kein Blick auf Byzanz, es ist ein Erleben von Byzanz als Zustand des Bewusstseins.
