
Das Kalenderblatt zum 2. Mai
“Der Kampf mit dem Aufstehen”
“The Battle of Rising”
“La lucha con levantarse”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
„Der Kampf mit dem Aufstehen“ ist weit mehr als die Beschreibung eines morgendlichen Moments, dieses Bild macht aus einer alltäglichen menschlichen Erfahrung ein archaisches Drama zwischen Schwere und Erwachen. Nichts in dieser Komposition wirkt glatt oder bereitwillig. Alles scheint zunächst in einem Zustand des Widerstands zu verharren: Die Farbmassen drücken, reiben, stemmen sich gegeneinander, als müsse sich das Bewusstsein mit erheblicher Kraft aus einer zähen Nachtmaterie herausarbeiten. Genau darin liegt die emotionale Wucht dieses Werkes, es zeigt nicht das Aufstehen selbst, sondern den inneren Ringkampf, der dem ersten Schritt vorausgeht.
Im linken Bereich bäumt sich ein kräftiges, fast stürmisches Blau empor. Es wirkt wie die Restenergie des Schlafes, wie ein Ozean aus Trägheit, Traumfragmenten und unklaren Gedanken, der den Tag noch nicht freigeben will. Dazwischen schieben sich rote und grüne Impulse, kleine Störungen des Gleichgewichts, nervöse Lebenszeichen des Körpers, die bereits ahnen lassen: Etwas will in Bewegung kommen. Doch im Zentrum steht eine fragile, nur halb fassbare Gestalt, nicht klar konturiert, eher eine Erscheinung als ein Mensch. Gerade diese Unschärfe macht sie so stark: Der Aufstehende ist hier kein Individuum, sondern ein universelles Sinnbild für jeden, der sich täglich aus der Schwerkraft des Gewohnten herauslösen muss.
Rechts drängt sich ein massiver, kreisender Formkomplex ins Bild, orange, braun, golden, verdichtet wie ein schweres Zahnrad oder eine glühende innere Sonne. Diese Form wirkt wie das Gewicht des Tages, das schon bereitliegt, noch bevor der erste Fuß den Boden berührt. Verpflichtungen, Gedanken, Routinen, Erwartungen, all das rotiert bereits unerbittlich und zieht am Menschen, noch ehe er vollständig im Hier angekommen ist. Zugleich trägt diese kreisende Masse in ihrem goldenen Kern aber auch einen paradoxen Funken: Im Zentrum der Last liegt die Energie des Neubeginns. Der Tag ist nicht nur Bürde, sondern auch Möglichkeit.
Die groben Strukturen der Acrylpaste verstärken diesen Eindruck körperlicher Mühsal. Hier wurde Farbe nicht sanft gesetzt, sondern geschoben, gedrückt, verdichtet, als hätte sich das Material selbst gegen seine Form gewehrt. Dadurch entsteht eine haptische Sprache des Widerstands: Man spürt das Knirschen der Gelenke, das Zögern des Geistes, das noch halb geschlossene Fenster zur Welt. Und dennoch bleibt das Bild nicht im Mühsamen stehen. Zwischen allen Reibungen öffnen sich lichte Zonen, fragile Weißräume, atmende Stellen, in denen sich bereits das Versprechen von Leichtigkeit ankündigt.
So wird „Der Kampf mit dem Aufstehen“ zu einer kraftvollen Metapher des menschlichen Daseins: Jeder neue Tag verlangt ein kleines Überwinden, ein Herausheben des eigenen Wesens aus Müdigkeit, Erinnerung und innerer Schwerkraft. Dieses Werk erinnert uns daran, dass selbst der unscheinbarste Morgen ein Heldengang im Kleinen ist, ein täglicher Sieg über das Liegenbleiben, über die Trägheit, über die Verführung des Noch-nicht. Und vielleicht liegt genau darin seine stille Schönheit: Wer aufsteht, beginnt nicht nur einen Tag, er entscheidet sich erneut für das Leben.
