Kalenderblatt
8. Mai

Geht's hier raus?

Das Kalenderblatt zum 8. Mai
“Geht’s hier raus?”
“Is this the way out?”
“¿Se sale por aquí?”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Die Wände waren gelb. Nicht einfach nur gelb, sie leuchteten in einem fast unerträglichen Ton zwischen Sonnenaufgang und Warnsignal. Als hätte jemand versucht, Licht einzusperren. Seit Tagen wanderte der kleine Mann durch diesen Raum ohne Türen, ohne Fenster, ohne Erinnerung daran, wie er überhaupt hier hineingeraten war. Der Boden unter seinen Füßen schimmerte rostrot wie verbrannte Erde, und die Luft roch nach Staub, Farbe und einer Vergangenheit, die zu lange geschwiegen hatte.

Mitten in dieser flirrenden Enge hing plötzlich etwas an der Wand. Ein schmaler, türkisgrüner Ausschnitt. Wie ein Riss in der Wirklichkeit. Dahinter lag ein Wald. Tief, geheimnisvoll und kühl. Dort bewegten sich Schatten zwischen Bäumen, und irgendwo schien Wasser zu fließen. Der kleine Mann trat näher. Er war sich sicher, dass er eben noch nicht dort gewesen war.

Er hob vorsichtig die Hand und berührte den Rand des Bildes. Rau. Echt. Zwei schmale goldene Balken hielten diesen Ausschnitt fest, als wollte jemand verhindern, dass das Dahinter in die Welt davor ausläuft. Oder umgekehrt.

Im Wald stand eine Gestalt. Kaum sichtbar. Vielleicht ein Kind. Vielleicht ein alter Mann. Vielleicht nur eine Erinnerung. Sie sagte nichts. Aber der kleine Mann hörte dennoch eine Stimme in sich: „Du fragst immer nach dem Ausgang, aber nie, ob du bereit bist hindurchzugehen.“

Er wich zurück.

Die gelben Wände begannen zu pulsieren wie ein lebendiger Organismus. Plötzlich begriff er, dass dieser Raum nicht gebaut worden war. Er war entstanden. Aus Angst. Aus Gewohnheit. Aus all den Tagen, an denen er lieber funktionierte, statt zu fühlen. Jeder Pinselstrich war eine Entscheidung gewesen, sich einzuschließen. Jede Schicht Acrylpaste eine neue Rechtfertigung, warum Veränderung gefährlich sei.

Und doch war da dieser schmale Durchgang.

Nicht größer als ein Traum.

Nicht breiter als Hoffnung.

Der kleine Mann setzte sich vor den grünen Spalt und wartete. Vielleicht auf Mut. Vielleicht auf ein Zeichen. Stunden vergingen. Oder Jahre. Im Wald wurde es dunkler, dann wieder heller. Ein Vogel flog vorbei. Irgendwo knackte ein Ast.

Dann geschah etwas Seltsames.

Nicht der Wald kam näher.

Der Raum hinter ihm begann zu verschwinden.

Ganz langsam lösten sich die gelben Mauern auf wie alte Gedanken. Der rostrote Boden zerfiel zu Staub. Die Enge verlor ihre Macht. Und plötzlich verstand er: Der Ausgang war niemals irgendwo dort draußen gewesen. Der Ausgang begann in dem Moment, in dem er aufhörte, seine eigene Gefangenschaft zu verteidigen.

Er stand auf.

Noch einmal blickte er zurück. Nichts war mehr da.

Nur Licht.

Und dieser schmale, grüne Weg ins Unbekannte.

Leise lächelte er und fragte zum allerletzten Mal:

„Geht’s hier raus?“

Diesmal antwortete der Wald.

Mit Wind.

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Kalenderblatt
8. Mai

Auf geht`s zur Kumari!

Kalenderblatt vom 08. Mai
“Auf geht`s zur Kumari!”
“Let`s go to Kumari!”
“Vamos a Kumari”

Aquarell auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

„Auf geht’s zur Kumari!“ wirkt zunächst wie eine stille Szene in einer engen Gasse Kathmandus und doch liegt über diesem Bild eine Atmosphäre von Erwartung, Ehrfurcht und geheimnisvoller Nähe zum Unsichtbaren. Zwei kleine Gestalten, in tiefes Blau und leuchtendes Rot gehüllt, bewegen sich durch einen Raum aus Licht, Schatten und verwitterten Mauern. Es ist kein gewöhnlicher Weg. Es ist ein innerer Gang durch die Schwelle zwischen Alltag und Mythos. Die Architektur scheint fast zu schweben, aufgelöst im Aquarell wie eine Erinnerung, die sich langsam im Bewusstsein entfaltet. Gerade diese Unschärfe macht das Werk so stark: Es zeigt nicht Kathmandu als geografischen Ort, sondern als spirituellen Zustand.

Die Kumari ist in Nepal weit mehr als eine religiöse Figur. Sie gilt als die „lebende Göttin“, als Inkarnation der Göttin Taleju beziehungsweise Durga. Ausgewählt wird traditionell ein junges Mädchen aus der Newar-Gemeinschaft Kathmandus, das bis zur Pubertät als göttliches Wesen verehrt wird. Hindus und Buddhisten begegnen ihr gleichermaßen mit tiefem Respekt. Die Kumari lebt im berühmten Kumari Ghar am Durbar Square in Kathmandu und erscheint nur zu besonderen Anlässen öffentlich. Ihre Erscheinung gilt vielen Menschen als Segnung und spirituelles Omen.

Genau dieses Gefühl scheint in diesem Bild eingefangen zu sein: das Unterwegssein zu etwas Heiligem, das gleichzeitig real und unfassbar bleibt. Die beiden Figuren wirken klein gegenüber den hohen Mauern und der offenen Fläche. Doch gerade darin liegt die Aussagekraft des Werkes. Der Mensch nähert sich dem Göttlichen nie als Beherrscher, sondern als Suchender. Das Rot der einen Figur erinnert an Hingabe, Opfer, Herzenergie und spirituelle Leidenschaft. Das Blau der anderen Figur trägt etwas Meditatives, Nachdenkliches, beinahe Mönchisches in sich. Gemeinsam bewegen sie sich auf ein Ziel zu, das im Bild selbst verborgen bleibt  und gerade dadurch entsteht Spannung.

Die zarten Farbverläufe des Aquarells verleihen der Szene eine traumartige Qualität. Die Mauern scheinen Geschichten zu speichern, als hätten Generationen von Pilgern hier ihre Hoffnungen, Gebete und Sehnsüchte hinterlassen. Man spürt förmlich den Staub der alten Plätze Kathmandus, das diffuse Morgenlicht und die Mischung aus Räucherwerk, Tempelklängen und innerer Sammlung. Das Werk erzählt nicht laut. Es flüstert. Und genau dadurch entwickelt es eine enorme poetische Kraft.

Besonders faszinierend ist, dass das Bild keine direkte Darstellung der Kumari zeigt. Stattdessen schildert es den Moment davor. Die Erwartung wird wichtiger als die Begegnung selbst. Dadurch entsteht ein universelles Symbol: Jeder Mensch kennt diesen inneren Weg zu etwas, das größer ist als er selbst, eine Hoffnung, eine Vision, eine Offenbarung oder ein heiliger Augenblick. Die Kumari wird hier zum Sinnbild für das Geheimnisvolle im Leben, für jene seltenen Momente, in denen Realität und Mythos ineinanderfließen.

„Auf geht’s zur Kumari!“ ist deshalb weit mehr als eine Reiseszene aus Nepal. Es ist ein Bild über den Menschen als Pilger zwischen sichtbarer Welt und spiritueller Sehnsucht. Ein stilles, sensibles Werk voller Atmosphäre, das den Betrachter nicht anschreit, sondern ihn langsam hineinzieht, Schritt für Schritt, wie die beiden kleinen Gestalten auf ihrem Weg zur lebenden Göttin

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