
Das Kalenderblatt zum 1. November
„Als der Nebel das Licht der Drachen verschlang“
„When the Mist Devoured the Dragons’ Light“
„Cuando la Niebla Devoró la Luz de los Dragones“
Aquarell auf Aquarellpapier ca 21 x 15 cm
Es heißt, in jenen Tagen, als die Himmel noch sangen und die Flüsse aus Licht bestanden, erwachte der große Nebel aus seinem tausendjährigen Schlaf. Er kroch über die Berge und verschluckte das Feuer der Drachen, das die Welt erhellte. Nur ein einziger Funken entkam seinem grauen Atem und dieser Funken birgt seither das Versprechen, dass jedes Licht, selbst im tiefsten Schatten, neu geboren werden kann.
Was geschieht, wenn das Licht seine Gestalt verliert, ohne seine Kraft einzubüßen?
In diesem Aquarell scheint die Welt für einen Augenblick den Atem anzuhalten. Nebelschwaden steigen aus einer geheimnisvollen Landschaft empor, verdichten sich zu beinahe körperhaften Erscheinungen und lösen sich wieder auf. Zwischen dunklen Blau- und Grüntönen entfaltet sich ein gelbliches Leuchten, als hätte sich ein Stück der Sonne in den Tiefen der Erde verfangen.
Es ist das letzte Feuer der Drachen. Doch vielleicht ist es zugleich das erste Licht einer neuen Schöpfung.
Die Grenzen zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Atmosphäre verlieren ihre Verbindlichkeit. Was eben noch Landschaft war, verwandelt sich in eine lebendige, sich ständig erneuernde Erscheinung. Formen entstehen, ohne sich endgültig festzulegen. Farben durchdringen einander, als folgten sie einer geheimen Ordnung, die sich dem Verstand entzieht.
Der Nebel wird zum Sinnbild einer schöpferischen Kraft. Er verhüllt nicht nur das Bestehende, sondern entzieht ihm seine vertraute Gestalt. Was sich in ihm auflöst, muss deshalb nicht verloren sein. Es kann sich aus seinen bisherigen Bindungen befreien und in einer anderen Daseinsform wiederkehren.
Hier berühren sich die uralten Geheimnisse der Alchemie: Auflösung und Verwandlung, Sterben und Werden, das Sichtbare und das noch Ungeborene.
Das Licht behauptet sich nicht gegen die Dunkelheit. Es durchdringt sie, verbindet sich mit ihr und verändert dabei seine eigene Erscheinung. Vielleicht liegt gerade darin das eigentliche Geheimnis dieses Bildes: dass die schöpferische Kraft nicht dort endet, wo unsere Wahrnehmung ihre Grenzen erreicht.
So wird die Landschaft zum Schauplatz eines Geschehens, das weit über die sichtbare Natur hinausweist. Sie erzählt von jenem unsichtbaren Übergang, in dem das Alte seine Gestalt verliert und das Neue noch keinen Namen trägt.
Und irgendwo, tief im Atem des Nebels, wartet das Feuer der Drachen auf seine Wiedergeburt.
