
Das Kalenderblatt zum 19. April
“Abwege”
“Going Astray”
“Malos Caminos”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Er nannte es den Moment der Entscheidung, doch in Wahrheit war es der Moment, in dem die Welt begann, sich schief zu legen. Die Wege, die einst klar und gerade gewesen waren, hatten sich über Nacht in schräge Linien verwandelt, als hätte jemand die Ordnung der Dinge mit einem einzigen, ungeduldigen Schnitt durchtrennt.
Der Wanderer stand am Rand dieser neuen Wirklichkeit. Unter ihm leuchtete ein Feld aus warmem Gelb, ein Versprechen von Leben, Licht und Richtung, doch darüber legten sich blaue Bahnen, kühl und rätselhaft, wie Spuren eines Denkens, das zu weit gegangen war. Und quer darüber, wie ein Riss im Gefüge, zog sich ein dunkler Grat, eine Grenze, die nicht übertreten werden sollte und doch unwiderstehlich war.
Über allem schwebte die Kugel.
Sie war kein Himmelskörper, kein Mond und keine Sonne. Sie war Erinnerung. Sie war Möglichkeit. Sie war das Gewicht aller Entscheidungen, die noch nicht getroffen waren. Und sie bewegte sich nicht, oder vielleicht bewegte sich alles andere um sie herum.
„Du bist falsch gegangen“, flüsterte eine Stimme, die keinen Ursprung hatte.
Der Wanderer lächelte müde. „Oder endlich richtig.“
Denn er erinnerte sich: an die geraden Straßen, die ihn nie gefragt hatten, wohin er wollte. An die sicheren Wege, die ihn immer nur dorthin führten, wo andere schon gewesen waren. Und jetzt, jetzt lag vor ihm ein Geflecht aus Abwegen, ein Terrain, das keine Garantie bot, aber endlich Wahrheit versprach.
Er setzte den Fuß auf die erste schräge Linie.
Sofort verschob sich die Welt. Die Kugel über ihm begann zu glühen, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Die Farben vertieften sich, das Gelb wurde zu Feuer, das Blau zu Tiefe, und der dunkle Grat vibrierte wie ein lebendiger Puls.
„Es gibt kein Zurück mehr“, sagte die Stimme.
Doch der Wanderer antwortete nicht. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er keinen Zweifel mehr. Nur Bewegung. Nur Richtung.
Und während er weiterging, Schritt für Schritt über die scheinbar falschen Wege, begann er zu begreifen: Es sind nicht die Abwege, die uns verlieren lassen, es sind die Wege, die wir nie zu gehen wagen.
