Kalenderblatt
14. Juli

Kalenderblatt 14. Juli

Das Kalenderblatt zum 14. Juli
„Das Schweigen zwischen zwei Sonnen“
„The Silence Between Two Suns“
„El silencio entre dos soles“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es gibt einen Ort, an dem kein Morgen beginnt und kein Abend endet. Dort begegnen sich zwei Sonnen, ohne einander jemals zu berühren. Die eine trägt das helle Versprechen des Aufbruchs in sich, die andere bewahrt das warme Gold aller Erinnerungen. Zwischen ihnen liegt kein Schatten. Zwischen ihnen liegt Schweigen.

Die meisten Menschen fürchten die Stille. Sie füllen sie mit Worten, Erklärungen und Urteilen, als könnten sie verhindern, dass sie ihnen den Spiegel vorhält. Doch das Schweigen ist kein Mangel. Es ist ein Raum. Ein Raum, in dem das Wesentliche wartet, bis der Lärm endlich müde geworden ist.

Als ich diesen Ort betrat, hatte ich geglaubt, zwei Himmelskörper zu sehen. Doch je länger ich verweilte, desto deutlicher erkannte ich, dass beide Sonnen in mir selbst lebten. Die helle Sonne war jener Teil meines Wesens, der immer weitergehen wollte, neugierig, ungeduldig und voller Sehnsucht nach dem nächsten Horizont. Die goldene Sonne hingegen kannte weder Eile noch Zweifel. Sie erinnerte sich an alles, was ich längst vergessen glaubte. Sie war das Gedächtnis des Herzens.

Zwischen beiden entstand kein Kampf. Keine wollte die andere verdrängen. Sie schwiegen einander an, und gerade darin entstand eine Kraft, die stärker war als jedes gesprochene Wort. Wahrheit braucht keine Lautstärke. Sie entfaltet sich wie Licht, das langsam einen Raum erfüllt, ohne jemanden zu drängen.

Ich blieb lange vor diesem lautlosen Dialog stehen. Mit jeder Minute verlor die Zeit ihre Bedeutung. Gedanken lösten sich auf wie Nebel über einem stillen See. Was blieb, war eine Gewissheit: Der Mensch wächst nicht durch Antworten, sondern durch die Fähigkeit, Fragen auszuhalten. Erst wenn wir aufhören, alles sofort erklären zu wollen, beginnt die Seele ihre eigene Sprache zu sprechen.

Vielleicht sind diese beiden Sonnen gar keine Sterne. Vielleicht sind sie Vergangenheit und Zukunft, die sich einen einzigen Augenblick teilen. Vielleicht sind sie Verstand und Intuition, die endlich aufgehört haben, gegeneinander zu argumentieren. Oder sie sind Licht und Licht, denn auch das Licht besitzt unzählige Gesichter, obwohl sein Ursprung derselbe ist.

Dieses Bild erzählt deshalb nicht von Astronomie. Es erzählt von einem inneren Zustand. Von jenem seltenen Moment, in dem nichts entschieden werden muss, weil alles bereits seinen Platz gefunden hat. Das Schweigen zwischen den beiden Sonnen ist kein Ende einer Geschichte. Es ist der Anfang einer Erkenntnis.

Und vielleicht liegt genau darin das größte Geheimnis unseres Lebens: Nicht jedes Licht will gesehen werden. Manche Lichter möchten lediglich erfahren werden. Wer den Mut besitzt, einen Augenblick in dieses Schweigen einzutreten, entdeckt, dass dort keine Leere wartet. Dort wartet das eigene Wesen, still, geduldig und strahlend, seit Anbeginn der Zeit.

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14. Juli

Biergartenserenade an der Donau

Kalenderblatt vom 14. Juli
„Biergartenserenade an der Donau“
„Beer garden serenade by the Danube“
„La serenate de jardin de la cerveza al Danubio“

Acryl, Acrylpaste, Gesso auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

„Biergartenserenade an der Donau“ erzählt nicht von Menschen, obwohl sie überall anwesend sind. Sie sind in den Spuren geblieben, in den Kratzern der Zeit, in den übereinanderliegenden Farbschichten, die sich wie Erinnerungen an lange Sommerabende in das Papier eingegraben haben. Es ist ein Bild über das, was bleibt, wenn das Lachen längst verklungen ist und nur noch der Fluss weiß, wie alles wirklich gewesen ist.

Das tiefe Blau ist die Donau. Nicht als geografischer Fluss, sondern als uralte Trägerin von Geschichten. Sie hat Römer kommen und gehen sehen, Händler, Musiker, Liebende und Einsame. Sie kennt jedes Geheimnis, das jemals einem Bierkrug anvertraut wurde. Wer lange genug auf ihre Oberfläche blickt, erkennt, dass Wasser niemals vergisst. Es trägt alles mit sich, verwandelt es aber in etwas Weicheres.

Daneben erhebt sich der schmale goldgrüne Streifen wie ein letzter Sonnenstrahl, der sich zwischen den Kastanienbäumen hindurchschiebt. Dort sitzen die Stimmen des Biergartens. Man sieht keine Tische, keine Gläser, keine Menschen. Und dennoch hört man sie. Das Klirren von Steinkrügen, ein Akkordeon, das sich gegen das Murmeln der Gespräche behauptet, das leise Lachen zweier Menschen, die sich seit Jahrzehnten kennen und jedes Jahr denselben Platz wählen, als wäre Zeit nur eine höfliche Erfindung.

Ganz rechts steht das dunkle Rotbraun wie ein alter Holztresen, unzählige Male berührt, verschüttet, abgewischt und wieder benutzt. Es trägt die Patina des Lebens. Dort wurden Freundschaften geschlossen, Abschiede ausgesprochen und Pläne geschmiedet, die nie Wirklichkeit wurden. Holz erinnert sich länger als der Mensch.

Die Oberfläche des Bildes ist bewusst rau. Nichts ist glatt, weil Erinnerung niemals glatt ist. Jeder Riss, jede Erhebung und jede Vertiefung erzählt davon, dass Schönheit nicht aus Perfektion entsteht, sondern aus den Spuren dessen, was das Leben hinterlassen hat. Die Acrylpaste wirkt wie verwitterter Stein am Donauufer, das Gesso wie Kalk, den Regen und Sonne über Jahrzehnte gezeichnet haben.

Während der Abend langsam kühler wird, beginnen die ersten Sterne über dem Fluss zu erscheinen. Der Biergarten leert sich. Einer nach dem anderen geht nach Hause. Die Stühle werden zusammengestellt, die Lichter gelöscht. Doch die Serenade endet nicht. Jetzt übernimmt die Donau selbst die Melodie. Sie singt leise gegen die Steine, trägt das Echo der Stimmen flussabwärts und mischt sie mit dem Wind, bis niemand mehr unterscheiden kann, was Wasser ist und was Erinnerung.

Vielleicht ist genau das der wahre Sinn eines Biergartens. Nicht das Bier, nicht das Essen und nicht einmal die Geselligkeit. Sondern dieser flüchtige Augenblick, in dem Menschen für wenige Stunden vergessen, wie schwer das Leben manchmal sein kann. Zwischen zwei Schlucken, einem Lachen und dem Blick auf den Fluss entsteht eine Freiheit, die sich nicht kaufen lässt.

„Biergartenserenade an der Donau“ ist deshalb keine Landschaft. Es ist eine Klanglandschaft der Erinnerung, eine Hommage an jene einfachen Abende, die sich unbemerkt in die Seele einschreiben. Denn am Ende unseres Weges erinnern wir uns selten an die großen Ereignisse. Wir erinnern uns an das goldene Licht auf dem Wasser, an das leise Klirren eines Bierkruges, an den Duft der Kastanien und an einen Fluss, der geduldig alles mitgenommen hat, außer den Momenten, die unser Herz für immer behalten wollte.

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