Kalenderblatt
28. September

Frau Surbier ist irritiert. Im Traum verfolgt sie ein Engel

Kalenderblatt vom 28. September
„Frau Surbier ist irritiert. Im Traum verfolgt sie ein Engel“
“Ms. Surbier is unsettled. In her dream, an angel is following her.”
“La señora Surbier está desconcertada. En sueños, un ángel la persigue.”

Tusche auf Aquarellpapier ca. 15 x 21 cm

Ein paar Linien. Eine liegende Gestalt. Eine Bewegung, die von links in das Blatt hineinfährt. Mehr braucht es nicht, und plötzlich ist da eine ganze Geschichte.

Frau Surbier ist irritiert. Im Traum verfolgt sie ein Engel.

Schon der Titel verschiebt die vertraute Ordnung. Engel erscheinen gewöhnlich, um zu schützen, zu verkünden oder den Menschen den Weg zu weisen. Dieser Engel jedoch tut etwas ausgesprochen Ungehöriges: Er verfolgt Frau Surbier. Und Frau Surbier reagiert darauf keineswegs mit frommer Verzückung. Sie ist irritiert.

Gerade darin liegt der eigentümliche Humor der Zeichnung.

Die wenigen Tuschestriche erzählen nicht aus, was geschieht. Sie deuten an. Die Figur scheint sich fortzubewegen, vielleicht zu fliehen, vielleicht nur auszuweichen. Hinter ihr oder über ihr drängt etwas in den Bildraum. Dazwischen liegen Leerstellen, kleine Zeichen, Bewegungen und Spuren. Das Weiß des Papiers wird zum Raum des Traumes.

Und wie in einem wirklichen Traum gehorcht dieser Raum keiner vernünftigen Ordnung. Etwas kann gleichzeitig komisch und beunruhigend sein. Ein Engel kann Schutz bedeuten und dennoch Verfolgung. Eine Begegnung mit dem Licht kann tröstlich sein und trotzdem den Wunsch auslösen, möglichst schnell das Weite zu suchen.

Vielleicht liegt darin der ernstere Kern dieses scheinbar heiteren Blattes: Nicht jede Begegnung mit dem Neuen wird als Befreiung erlebt. Manchmal erscheint das, was uns verändern könnte, zunächst als Störung. Es verfolgt uns, weil wir es noch nicht verstehen. Es taucht wieder auf, obwohl wir längst glaubten, ihm entkommen zu sein.

Der Engel könnte deshalb auch als Bild für etwas Inneres gelesen werden: eine Erkenntnis, eine Erinnerung, einen Gedanken oder einen Ruf, der sich nicht länger verdrängen lässt. Frau Surbier läuft dann möglicherweise gar nicht vor einem Engel davon. Sie läuft vor etwas davon, das zu ihr gehört.

Doch die Zeichnung weigert sich erfreulicherweise, daraus eine moralische Lehrstunde zu machen. Dafür ist sie zu leicht, zu skizzenhaft und zu verschmitzt. Die Linie scheint beinahe schneller zu sein als der Gedanke. Figuren entstehen aus wenigen Bewegungen und lösen sich gleich wieder in Zeichen auf. Das Geschehen bleibt zwischen Erzählung und abstrakter Geste hängen.

So wird aus einer kleinen Tuschezeichnung eine merkwürdige Traumminiatur über Verfolgung und Verheißung, Widerstand und Erkenntnis, Angst und Komik.

Und vielleicht bleibt am Ende nur eine Frage:

Was tun wir, wenn ausgerechnet das Licht uns verfolgt?

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28. September

Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit

Kalenderblatt zum 28. September
„Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit“

„Lost in thought and lost in time“
„Perdido en pensamiento y perdido en tiempo“

Acryl, Acrylpaste, Bleistift auf Aquarellbütten ca. 21. x 15 cm

Das Bild erzählt von einem Zustand, in dem Gedanke, Erinnerung und Zeit ihre festen Grenzen verlieren. Nichts scheint stillzustehen. Farben drängen gegeneinander, Schichten überlagern sich, Linien tauchen auf und verschwinden wieder. Alles befindet sich in Bewegung, und doch hält eine schwere schwarze Form diese Bewegung für einen Augenblick fest.

Sie erhebt sich aus dem unteren Bildraum und spannt sich wie ein mächtiger Bogen über das glühende Zentrum. Ist sie ein Tor, eine Grenze, ein Zeichen oder eine Schwelle? Das Bild legt sich nicht fest. Gerade dadurch bekommt die Form etwas Archaisches. Sie scheint weniger einen Gegenstand darzustellen als einen inneren Zustand zu markieren.

Unter und hinter ihr lodert die Farbe.

Gelb, Orange und Rot bestimmen zunächst die Wahrnehmung. Doch dieses Leuchten ist nicht friedlich. Das Gelb besitzt beinahe etwas Fiebriges, während sich Rot und Orange im Zentrum zu einer verdichteten, unruhigen Masse verbinden. Dazwischen erscheinen dunklere Partien, erdige Töne und Spuren von Violett. Am unteren Rand bricht plötzlich Blau hervor, kühl und beinahe fremd gegenüber der Hitze darüber.

Das Bild scheint gleichzeitig zu brennen und sich abzukühlen.

Noch rätselhafter sind die feinen Bleistiftlinien im oberen Teil. Sie erinnern an Schrift, an hastige Notizen oder an die Spur eines Gedankens, der festgehalten werden sollte, bevor er wieder verschwindet. Man meint etwas lesen zu können und erkennt doch nichts Eindeutiges.

Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Erfahrungen des Bildes: Gedanken hinterlassen Spuren, aber sie lassen sich nicht festhalten.

Ein Gedanke führt zum nächsten. Eine Erinnerung öffnet eine andere. Ein längst vergangener Augenblick kann plötzlich gegenwärtiger sein als das, was unmittelbar vor uns liegt. Ebenso können wir uns in einer Zukunft verlieren, die noch gar nicht existiert.

Und während wir denken, erinnern, hoffen oder zurückblicken, vergeht Zeit.

Der Titel „Verloren in den Gedanken und verloren in der Zeit“ beschreibt deshalb weniger einen Ort als einen Bewusstseinszustand. Das Ich befindet sich nicht mehr eindeutig im Jetzt. Vergangenheit, Gegenwart und Vorstellung beginnen ineinanderzugreifen.

Vielleicht erklärt das auch die schwarze Form.

Sie könnte als Versuch gelesen werden, diesem Strom etwas entgegenzusetzen. Eine feste Geste gegen das Flüchtige. Ein Zeichen gegen das Verschwinden.

Doch auch sie ist nicht vollkommen geschlossen. Unter ihrem Bogen bleibt ein Raum offen.

Eine Schwelle vielleicht.

Das Bild erzählt damit nicht einfach von Dunkelheit und Licht. Dafür sind seine Gegensätze zu widersprüchlich. Das Helle ist nicht nur Hoffnung, das Schwarze nicht nur Bedrohung. Beides gehört zusammen. Das Dunkle gibt dem Leuchten seine Intensität, während das Licht die schwarze Form überhaupt erst sichtbar werden lässt.

So entsteht ein Bild über eine Erfahrung, die vermutlich jeder kennt und die sich dennoch kaum beschreiben lässt: Wir versuchen, unserem Leben eine Ordnung zu geben, während Gedanken, Erinnerungen und Zeit diese Ordnung immer wieder auflösen.

Was bleibt, sind Spuren.

Eine Linie.
Eine Farbe.
Ein Fragment.
Eine Erinnerung, deren Anfang wir nicht mehr kennen.

Und vielleicht liegt gerade darin etwas Tröstliches:

Wir sind nicht nur verloren in unseren Gedanken und verloren in der Zeit. Wir bestehen auch aus den Spuren, die beide in uns hinterlassen.

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